Authentizität und die inneren Saboteure – warum wir uns selbst im Weg stehen
Authentizität und die inneren Saboteure – warum wir uns selbst im Weg stehen
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Es gibt Abende, da fällst du abends müde und glücklich ins Bett. Ein schwieriges Gespräch ist gelungen, eine Herausforderung, die du gemeistert hast oder einfach ein Tag, an dem du freundlich und freudig dein bestes getan hast. Du warst bei dir – souverän, klar, in deiner Kraft.
Und dann gibt es die anderen Abende. Der Tag ist entgleist, der Plan längst über den Haufen geworfen, und wenn endlich Ruhe einkehrt, wird die Snackschublade geplündert und der Fernseher angemacht. Du gönnst dir am Abend, was untertags nicht möglich war: abschalten, ausklinken, für dich da sein.
Irgendwo dazwischen liegt ein Thema, das tief geht… es ist die Frage nach Authentizität – und danach, was uns immer wieder von ihr wegführt.
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Inhalt
» Authentizität ist Souveränität dir selbst gegenüber
» Wie schöpferische Kraft zur Kompensation wird
» Die drei Wurzeln der inneren Sabotage
» Warum das Problem nicht dort lösbar ist, wo es auftritt
» Der Weg zurück: Sattva, Reflexion und der innere Ruf
Authentizität ist Souveränität dir selbst gegenüber
Authentizität hat für mich etwas mit Souveränität mir selbst gegenüber zu tun. Und wenn diese fehlt, kostet uns das im Leben ungemein viel Kraft.
Im Ayurveda gibt es dafür ein präzises Bild. Die Definition von Gesundheit meint nicht nur den Körper – sie meint das Ruhen im eigenen Selbst. Authentisch sein und bei sich sein sind darin ein und dasselbe. Wer bei sich ruht, kennt die eigenen Grenzen, weiß, was er geben kann und möchte, kennt seine Qualitäten und spürt, wie weit die eigene Energie reicht.
Das ist keine spirituelle Kür. Es ist die Grundlage von Stabilität. Denn wer sich selbst kennt, wird auch im Außen klarer: eine bessere Begleiterin für ihre Kunden, weil sie ihre Kraft hält, um für sich UND andere da sein zu können. Und weil sie die eigenen Muster von denen der anderen trennen kann. Solange unsere Prägungen so eng mit uns verwoben sind, dass wir sie für die Wirklichkeit halten, werden sie zur Brille, durch die wir alles betrachten – und wir projizieren sie auf das, was uns unsere Kunden erzählen. Je besser wir uns kennen, desto klarer wird unser Blick.
Wenn schöpferische Kraft durch Unterdrückung fehlgeleitet wird
Wir kommen als intakte Wesen auf die Welt. Mit unserer Urnatur, unserer körperlichen und mentalen Konstitution, mit unseren Gaben – und mit einer Lebensaufgabe, der wir Ausdruck verleihen wollen. Als Kind wissen wir instinktiv, was stimmig ist, was uns anspricht, wie wir uns zeigen möchten. Ein Kind, das vertieft spielt, wird stinksauer, wenn man es herausreißt. Es ist eins mit sich und der Welt.
Sozialisierung gehört zum Leben. Wir lernen, dass wir nicht jedem Impuls freien Lauf lassen, dass es gut ist, für andere mitzudenken und mitzufühlen. Das ist gesund. Schwierig wird es aber, wenn ein Kind früh lernt, dass sein Ausdruck in der Welt grundsätzlich nicht erwünscht ist. Die Lust am Singen, am Laufen, am Spielen, die eigene Art zu kommunizieren – all das wird ihm „ausgetrieben“. Es wird zum gezähmten Tierchen.
Aber Achtung – „nature strikes back“ 🙂 Wenn eine schöpferische Kraft unterdrückt wird, verschwindet sie nicht. Die Lebensenergie, das Prana, das aus uns heraus möchte, wird umgeleitet und sucht sich eine andere Stelle, an der es hervorsprudeln kann. So entstehen Kompensationen wie z.B. über-Essen, über-Arbeiten, über-Kontrolle, eine überbordende Disziplin, aber auch Süchte oder Depressionen.
Das alles dient uns als Kompensationsmechanismus – und es ist kein Charakterfehler und keine fehlende Disziplin. Es sind fehlgeleitete Schutzmechanismen, die Sinn machen, wenn man die Essenz dahinter erkennt, und was sie eigentlich bewirken wollten.
Die drei Wurzeln der inneren Sabotage
Vielleicht denkst du jetzt: Ich habe keine großen Sabotagemechanismen. Dann lade ich dich ein, genauer hinzusehen. Denn es gibt so viel im Kleinen, das wir für normal halten. Im Business zum Beispiel, dass du ungern über Geld sprichst, oder Angst hast, dich zu zeigen. Dass du es deinen Kunden immer ein bisschen zu sehr recht machst – auf eine Art, von der du selbst merkst, dass es dir zu viel ist.
Woher kommt das? Ich sehe drei Wurzeln.
Die erste ist die Instinktverletzung. Als Kind lernen wir, dass wir eine bestimmte Weise sein müssen, um Anerkennung und Liebe zu bekommen. Das Außen können wir nicht beeinflussen – also passen wir uns an. Wir verlernen, unserem Instinkt zu trauen, verlieren den Draht zu dem, was uns wirklich nährt.
Die zweite Wurzel ist die innere Stimme, die daraus entsteht. Man kann sie den inneren Räuber nennen. Sie will uns nicht schaden – im Gegenteil, sie will uns schützen: vor Zurückweisung, vor Beschämung, vor dem Risiko, uns bloßzustellen. Interessanterweise werden aus dieser Stimme oft unsere sichtbarsten Stärken. Menschen, die als Kind nicht gesehen wurden, werden nicht selten leistungsgetrieben – sie wollen es der Welt zeigen und suchen Bestätigung über ihre Leistung.
Die dritte Wurzel ist die blockierte Energie – die unverdauten Erfahrungen. Im Ayurveda könnte man von emotionalem Ama sprechen: das, was sich tief ins Gewebe eingegraben hat und aus dem Unterbewusstsein weiterwirkt. Es taucht in Situationen auf, die früheren ähneln, und der alte Schutzmechanismus springt nach vorne: „Ich bin da. Wir machen das wie immer. Das hat sich bewährt.“ Es sind Gefühle, die plötzlich auftauchen und deren Ursprung wir gar nicht mehr kennen.
Die gute Nachricht: Diese Wurzeln lassen sich ausgleichen. Unsere intuitive Weisheit geht nie verloren.
Warum das Problem nicht dort lösbar ist, wo es auftritt
Wenn wir ein Muster loswerden wollen, machen wir fast alle denselben Fehler: Wir schauen genau dorthin, wo es auftritt. Was tue ich in dem Moment, wo es wieder „passiert“? Wie lenke ich mich ab? Doch das ist die Stelle, an der das Ventil platzt – nicht die Stelle, an der der Druck entsteht.
Denk an einen Menschen, der abends überisst. Oder an eine Führungskraft, die die ganze Woche kontrolliert sein muss und sich am Wochenende das eine oder andere Glas Wein zu viel gönnt. Man ist geneigt, auf den Moment des Ausbruchs zu schauen. Dabei liegt die Wurzel ganz woanders.
Wir haben einen ganzen Tag, eine Lebensgeschichte hinter uns, ein Umfeld, das auf uns wirkt. Wenn wir abends nach einem stressigen Tag kompensieren, dann lohnt die Frage: Was war eigentlich untertags los? Habe ich mich gut versorgt? Hatte ich ein gutes Mittagessen? Bin ich in fordernden Situationen über meine Grenzen gegangen? Wie war die Woche davor? War ich für mich da? Wenn wir uns selbst nicht geben, was wir brauchen, dann holen wir es uns später – über den Umweg der Kompensation.
Der Weg zurück: Sattva, Reflexion und der innere Ruf
Bei mir hat sich vor vielen Jahren ein selbstschädigendes Muster aufgelöst, von dem ich dachte, ich würde mein Leben lang darunter leiden. Und das Faszinierende war: Ayurveda hat mir geholfen, ohne dass ich das Muster erst intellektuell auseinandernehmen musste. Die meiste Arbeit bestand darin, wieder körperliche und mentale Stabilität hereinzubringen – Sattva ins Leben zu holen, jene Qualität von Klarheit, Weisheit und Ausgeglichenheit.
Der Wendepunkt zu dem Thema war der Tag, an dem eine Essattacke kam – und die vertraute Scham ausblieb. Statt „Du bist furchtbar, wie kannst du nur“ war da zum ersten Mal ein liebevolles An-die-Hand-Nehmen: Ich verstehe dich. Ich verstehe, warum du in Not warst und wieder zu deinem alten Mittel gegriffen hast. Diese Sanftheit hat mehr bewegt als jede Strenge zuvor. In Folge 1 im Podcast erzähle ich meine Geschichte – hör gerne rein.
Und dennoch: Ich bin dafür, auch intellektuell hinzuschauen. Denn alles, was wir aus dem Dunkel ins Licht des Bewusstseins holen, kann sich transformieren. Dabei hilft Reflexion – Journaling, das Beobachten der eigenen Träume, der Blick aus der Vogelperspektive auf die große Lebensphase, in der wir gerade stehen. Und es hilft, dass wir verstehen, wie Gefühle entstehen: Ein Gefühl wird von einem Gedanken ausgelöst. Welcher Gedanke steht hinter deinem Frust? Welche Erfahrung, welche alte Prägung steckt hinter diesem Gedanken? Durch welche unverdaute Erfahrung ist daraus ein Muster geworden, das so tief sitzt, dass du es gar nicht mehr bemerkst?
Am Ende führt all das zu einer einzigen Bewegung: dem inneren Ruf zu folgen. Unsere Natur zu leben. Unserer schöpferischen Kraft den Ausdruck zu geben, den sie sich wünscht. Das zu tun, was uns nährt. Dann versiegen die inneren Saboteure mit der Zeit von selbst – nicht, weil wir sie bekämpft, sondern weil wir uns nicht länger selbst ausgehungert haben.
Das ist der Ort, an dem wir unser Dharma leben können – unseren Lebenszweck. Und das macht nicht nur uns selbst glücklich, sondern strahlt in unser ganzes Umfeld.






